Perspektiven wechseln: Vor Ort bei ZukunftsCoach Ahmet
„Manchmal brauchen die Jungs einfach nur jemanden, der zuhört“
02.06.2026
Passend zu unserem Jahresthema „Perspektiven wechseln“ tun wir in dieser Textreihe genau das: Wir besuchen Menschen, mit denen wir in unserer Arbeit auf vielfältige Weise zu tun haben, und möchten erfahren, was sie beschäftigt, was ihre Beweggründe für ihr Handeln sind und wie ihre Perspektive auf vielleicht gemeinsame Themen ist. Wir sind also vor Ort und wechseln selbst unsere Perspektive. Heute sind wir zu Besuch bei: ZukunftsCoach Ahmet.
Von Verena Waldhoff
An dem Tisch ganz hinten im Eiscafé in Gelsenkirchen-Horst herrscht gute Laune. Drei Jungs sitzen dort, unterhalten sich, lachen und quatschen gerade über Fitnessstudios. Einer von ihnen ist Ahmet, 23 Jahre alt. Er klopft einem der anderen beiden auf die Schulter, nickt anerkennend und sagt: „Find ich super, dass du das mit dem Sport jetzt durchziehst.“ Die beiden sind Schüler der 9. Klasse an einer Gesamtschule und nehmen am Peer-Learning-Programm ZukunftsBande der GLS Zukunftsstiftung Bildung teil. Ahmet ist Auszubildender zum Bankkaufmann und ihr ganz persönlicher ZukunftsCoach, der sich ein Schuljahr lang alle zwei Wochen mit ihnen trifft und sie unterstützt – bei Schulkram, beim Thema Berufsorientierung und auch in Alltagsfragen.
Es ist hier nicht besonders still – ein paar andere Tische sind auch besetzt, die Eiskühlung brummt und die Kaffeemühle röhrt zwischendurch laut auf. Doch die Jungs fühlen sich offensichtlich wohl. Ahmet hat in der Zwischenzeit das Thema gewechselt: „Bei unserem letzten Treffen hatte ich doch mit euch darüber gesprochen, dass wir jeder anfangen wollen ein Buch zu lesen. Erstmal jeden Tag nur eine Seite, das kann nicht schaden. Welche Bücher habt ihr euch ausgesucht?“
“Manchmal brauchen die Jungs einfach nur jemanden, der zuhört”
Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist aber für die beiden Schüler gar nicht so selbstverständlich. Einer der beiden ist erst seit zwei Jahren in Deutschland und spricht noch eher vorsichtig Deutsch, beide sind in einer sogenannten Brückenklasse für Jugendliche, die als schulmüde gelten. Beide haben außerhalb der Schule viele Herausforderungen zu meistern, die ihre Energie verlangen. „Manchmal brauchen die Jungs einfach nur jemanden, der zuhört, ihnen auf die Schulter klopft und sagt: gut gemacht“, erzählt Ahmet später.
Ahmet selbst ist in Istanbul geboren und mit 12 Jahren mit seiner Familie nach Südafrika gegangen. Dort hat er ein paar Jahre die Schule besucht, bevor es dann für seine Familie weiter nach Deutschland ging. „Mein Vater war Lehrer in der Türkei und auch meine Mutter hat pädagogisch gearbeitet“, erzählt er. Der Start vor sieben Jahren in Deutschland erfolgte für ihn und seine Familie in einer Flüchtlingsunterkunft. „Am Anfang konnte ich natürlich gar kein Deutsch, hatte noch keine Freunde hier und habe viel Zeit damit verbracht, englische Bücher über Finanzthemen zu lesen“, erinnert sind Ahmet. „Das hat mich irgendwie schon immer interessiert.“
Die eine Person, die sich hinter einen stellt, macht häufig den Unterschied
Er kam auf ein Gladbecker Gymnasium und – während er das erzählt, beginnen Ahmets Augen zu strahlen – traf dort auf eine Lehrerin, die ihm von Anfang an zur Seite stand. „Die ist echt ein Lieblingsmensch“, grinst Ahmet. „Sie hat mir immer gesagt, dass ich das schaffe und hat mir deutsche Bücher geschenkt. Jeden Tag eine Seite, hat sie gesagt, das kann nicht schaden.“ Sie war es auch, die Ahmet empfohlen hat, eine Klasse zu wiederholen, bevor es in die Oberstufe ging. „Sie war davon überzeugt, dass ich dann so weit sein würde und das mit dem Abi hinkriegen kann. Das war die beste Entscheidung“, sagt Ahmet. Weil er in seiner neuen Klasse seine besten Freunde kennengelernt hat und weil sie Recht hatte.
In vielen Bildungsverläufen ist es häufig diese eine Person, die einen Unterschied macht. Die sich hinter einen jungen Menschen stellt und ihn dabei unterstützt, seinen Weg zu finden und zu gehen. Für die beiden Schüler möchte Ahmet nun diese Rolle übernehmen: „Ich kann nachempfinden, wie es ist, wenn man die Sprache noch nicht gut kann. Meine Eltern haben mich viel unterstützt, aber das ist nicht bei jedem so. Mir ist wichtig, dass ich ihnen Tipps geben kann, mit ihnen bespreche, was in der Zukunft eigentlich noch so auf sie zukommt und was für sie möglich ist.“
Ahmets Gespür für seine Rolle als ZukunftsCoach ist nicht zu übersehen: Die Perspektiven zu wechseln kann eben auch bedeuten, in seiner eigenen Biografie ein paar Jahre zurückzugehen, um die Situation eines jüngeren Menschen besser verstehen zu können.