Porträtfotos von zwei Schülerinnen und zwei Lehrerinnen

Perspektiven wechseln: Vor Ort bei Sternschule und Schalker Gymnasium in Gelsenkirchen

„Mein persönliches Herzensprojekt“

02.06.2026

Passend zu unserem Jahresthema „Perspektiven wechseln“ tun wir in dieser Textreihe genau das: Wir besuchen Menschen, mit denen wir in unserer Arbeit auf vielfältige Weise zu tun haben, und möchten erfahren, was sie beschäftigt, was ihre Beweggründe für ihr Handeln sind und wie ihre Perspektive auf vielleicht gemeinsame Themen ist. Wir sind also vor Ort und wechseln selbst unsere Perspektive. Heute sind wir zu Besuch bei einem Treffen in der Sternschule in Gelsenkirchen. Zusammen mit dem Schalker Gymnasium nimmt die Grundschule am Peer-Learning-Programm BildungsTandems teil. Kerstin Beiert-Köpke (Erprobungsstufenkoordination, Schalker Gymnasium), Gudrun Overhage (OGS Sternschule), Sara (16, Schalker Gymnasium, BildungsTandems-Coachin) und Emma (11 Jahre, ehemals als Grundschulkind bei den BildungsTandems) lassen uns teilhaben an ihren unterschiedlichen Perspektiven auf das Programm, auf den Wechsel zur weiterführenden Schule und auf die Herausforderungen im System Schule im Allgemeinen …

Gesprächsmitschrift: Verena Waldhoff

Warum nehmt ihr am Programm BildungsTandems teil und wie läuft die Zusammenarbeit?

Gudrun Overhage: „Wir nehmen als Grundschule in Gelsenkirchen an verschiedenen Projekten teil, weil unsere Kinder in den unterschiedlichen Jahrgangsstufen das einfach brauchen. Der Bedarf ist bei uns riesengroß. Und wir als pädagogische Fachkräfte brauchen Programme wie die BildungsTandems auch. Das erleichtert unsere Arbeit, denn die Entwicklung der Kinder wird so noch ganz anders unterstützt. Auch das Organisatorische daran ist gut, denn während einige Schülerinnen und Schüler Zeit in einem Projekt verbringen, profitieren die anderen Kindern ebenso, die ich dann in kleineren Gruppen viel besser unterstützen kann.“

Kerstin Beiert-Köpke: „Die Sternschule ist zwar in direktem Umfeld des Schalker Gymnasiums, aber so intensiv und auf so kollegialer Basis war die Verbindung vor den BildungsTandems nicht. Ich finde diesen Austausch sehr sinnvoll, denn so sehe ich zum Beispiel mal die Perspektive der OGS. Ich bekomme hier einen guten Einblick in die Arbeit mit den Kindern, bevor sie zu uns kommen. Und so ist die Bindung zwischen diesen beiden Schulen deutlich stärker geworden. Die BildungsTandems ermöglichen uns, dass die Kinder längerfristig das System der weiterführenden Schule kennenlernen. Die Coachs haben mit den Grundschulkindern im vergangenen Jahr einen Spielenachmittag bei uns gemacht und es gab ein Abschlussgrillen bei uns. So konnten sie das Schulgebäude, ältere Schülerinnen und Schüler kennenlernen, also schon ein bisschen am Schulleben teilnehmen. Ich denke, das ist sehr wichtig, um Angst zu nehmen. Es ist ja schon ein krasses Gefühl nach vier Jahren in derselben Klasse, mit derselben Klassenleitung, in demselben Gebäude plötzlich ganz woanders hinzumüssen.“

Sara: „Ich hab‘ mich schon immer dafür interessiert, wie sich der Schulwechsel für jüngere Kinder wohl anfühlt. Und ich mag es einfach, Jüngere zu unterstützen und für sie eine Vertrauensperson zu sein. Jeder Mensch ist individuell und ich wollte gerne sehen, wie die Kinder sich weiterentwickeln. Ich entwickle mich dabei auch selbst weiter, wenn ich auf verschiedene Arten von Menschen eingehe und mit sehr lebendigen und mit eher ruhigeren Kindern eine Bindung aufbaue. Dabei spielen Kommunikation und Vertrauen eine Rolle. Man muss zum Beispiel gut aufpassen, wie man zurückhaltende Kinder behandelt.“

Emma: „Ich fand das Programm BildungsTandems spannend, weil die Älteren uns viel beigebracht haben beim Lesen. Ich finde es besser, in einer Gruppe zu lesen statt alleine, denn so kann man hören, wie die anderen klingen. Manche Kinder hatten Schwierigkeiten die Sätze zu betonen und das war interessant für mich, denn wenn ich alleine lese, ist meine Stimme nur in meinem Kopf, aber wenn ich laut lese, habe ich selbst ja auch eine andere Stimme.“

Wie finden die Eltern die BildungsTandems?

Kerstin Beiert-Köpke: „Ich denke schon, dass viele Eltern erkennen, dass die Förderung von Sprache und Lesen ein wichtiger Aspekt ist. Wenn die Kinder Zeit mit älteren Schülerinnen und Schülern verbringen, ist das natürlich auch eine Unterstützung für die Eltern. Wir haben hier viele Familien mit mehreren Kindern in denen beide Elternteile voll arbeiten, dann sind solche Programme auch eine soziale Unterstützung – was Eltern natürlich gerne wahrnehmen.“

Gudrun Overhage: „Elternarbeit ist uns wichtig. Viele Eltern trauen sich gar nicht, etwas zu fragen, da gibt es oft eine Sprachbarriere hier in unserem Bereich. Wir haben eine Kollegin, die Türkisch, Arabisch und Kurdisch sprechen kann, aber die kann ja auch nicht immer und überall vor Ort sein. Wir sehen, mit welcher Begeisterung die Kinder bei den BildungsTandems unterwegs sind und das tragen sie auch in die Elternhäuser. Durch den Spaß kommt zum Beispiel das Lesen plötzlich viel natürlicher. Dadurch entsteht Chancengerechtigkeit, denn die ganze Haltung zum Thema Schule kann sich durch so ein Projekt verändern.“

Emma: „Ich habe meinen Eltern viel davon erzählt. Sie haben am Anfang den Info-Brief gelesen und waren begeistert davon, dass wir Leseförderung bekommen.“

Wie läuft das Programm ab und was ist eure Aufgabe?

Kerstin Beiert-Köpke: „Das Programm BildungsTandems läuft vor allem durch die Schülerinnen und Schüler selbst so gut, die sich viel miteinander austauschen über ihre Aufgabe als Coachs. Bei uns sind die BildungsTandems als AG eingebunden. Ich stelle dafür den Raum, ich bin da und kann helfen, wenn es nötig ist, ich mache die Rahmenorganisation, aber die meiste Arbeit wird von den Schülerinnen und Schülern geleistet. Ihre Motivation und Selbstständigkeit haben mich dabei am meisten überrascht. Ich muss ihnen gar keine Hilfestellung geben, sie sind in dieser Rolle so erwachsen und selbstständig, dass ich ihnen vertrauen kann. Die machen das ganz toll. Es macht mir selbst viel Spaß, weil ich in dieser Situation mal nicht vorangehen muss – die Schüler und Schülerinnen gehen voran. Es ist wirklich schön, dass wir uns unter den Koordinationen der Schulen so gut verstehen und dass sich die Schülerinnen und Schüler so gut verstehen. Es ist mein persönliches Herzensprojekt. Ich weiß, dass ich jedem Coach, jeder Coachin vertrauen kann.“

Sara: „In unseren Treffen nehmen wir wie eine Lehrkraft alles selbst in die Hand und passen auf die Kinder auf: Wie geht es den Kindern, was wollen sie machen, wie sind ihre Interessen? Vor allem achten wir darauf, ob die Kinder überhaupt das machen wollen, was wir für heute geplant haben. Manchmal wollen die Kinder nicht so gerne lesen, aber dann finden wir Kompromisse und machen vielleicht diese Woche etwas, was die Kinder lieber möchten, und lesen dafür in der nächsten Woche. Man passt mit den Grundschulkindern auf jeden Fall besser darauf auf, was man sagt, denn die Kinder lernen ganz schnell von uns, wir sind ja deren Vorbilder. Wenn man mal etwas Falsches sagt, dann gucken die das schnell von uns ab. Bei meinen Freunden ist das anders, die verstehen ja meinen Humor. Die Sprache ist dann einfach komplett anders. Mit den Kindern versucht man ruhiger und einfacher zu sprechen, um ihnen zum Beispiel etwas zu erklären. Meine eigene Kommunikation hat sich durch die Verantwortungsübernahme bei den BildungsTandems auf jeden Fall weiterentwickelt – wie ich meine Gefühle ausdrücke, wie ich wichtige Themen ansprechen, welche Wörter ich verwende, sogar mit meinen Freunden kann ich jetzt besser kommunizieren als vorher.“

Kerstin Beiert-Köpke: „Wir machen jedes Jahr vor den Sommerferien eine kleine Werbetour zum Programm BildungsTandems. Dabei gehen wir durch die Klassen, informieren und erzählen, was hinter dem Programm steckt. In diesem Jahr nehmen einige der Coachs sogar ein weiteres Jahr teil, weil sie so begeistert waren.“

Sara: „Die Grundschulkinder haben sich im vergangenen Jahr sehr dafür interessiert, was wir für Fächer am Gymnasium haben, wie die so sind, ob das interessant ist, ob wir Tests und Arbeiten schreiben. Wir sind bei unseren Treffen thematisch oft in diese Richtung gegangen, weil wir darauf geachtet haben, welche Themen die Kinder wirklich interessieren.“

Warum ist es aus eurer Sicht wichtig, den Übergang zur weiterführenden Schule zu unterstützen?

Kerstin Beiert-Köpke: „Die Bildungsübergänge sind ein großes Thema, das immer wichtiger wird. Wir merken, dass Eltern mehr Unterstützung benötigen und wir sie an die Hand nehmen müssen, damit die Kinder nicht irgendwann in der fünften Klasse am Gymnasium sind und sich fragen: Wo bin ich denn hier? Eltern können die Unterstützung beim Schulübergang nicht immer leisten. Das deutsche Schulsystem ist leider sehr kompliziert und das merken wir bei Elternabenden. Wir müssen erklären, welche Schulformen es überhaupt gibt und welche Abschlüsse man dort machen kann, es geht dabei um die einzelnen Übergänge. Da versuchen wir viel zu erklären und aufzuklären. Wenn die Eltern eine andere Sprache sprechen, alleinerziehend oder beruflich stark eingebunden sind, viele Kinder haben und an unterschiedlichen Schulen mit vielen verschiedenen Lehrkräften sprechen müssen, dann können Programme wie dieses dabei helfen, den Eltern eine Sicherheit zu geben. Wenn wir den Kindern im Programm BildungsTandems ein wenig mehr Sicherheit vermitteln können, dann ist das schon mal ein Gewinn. Kinder sollen ohne Angst zur neuen Schule gehen, denn Angst ist immer ein Gegner des Lernens.

Gudrun Overhage: „Durch die enge Kooperation mit dem Gymnasium ist uns das Thema Übergang für Eltern und Schülerinnen und Schüler noch bewusster geworden. Wir machen jetzt so eine Veranstaltungsreihe: ,Wie geht Schule?' Die Eltern wissen häufig gar nicht, wie das Schulsystem funktioniert und welche Möglichkeiten es gibt. Das machen wir als Familienzentrum jetzt zusammen mit einer benachbarten Kita und erklären, wie die nächsten Jahre ablaufen.“

Kerstin Beiert-Köpke: „Wir haben so viele verschiedene Familiensituationen, Religionen, Nationalitäten, Sprachen und Interessen, darum finde ich es bei den BildungsTandems auch so toll, dass unsere unterschiedlichen Jugendlichen zur Sternschule gehen und alle auf ihre Art das Schalker Gymnasium repräsentieren. In Gelsenkirchen sind wir sehr vielfältig und das sollte man noch stärker einbauen. Wir müssen zum Beispiel auch an einem Gymnasium Deutsch- bzw. Leseförderung mit anbieten. Auch wenn Kinder mit einer Gymnasialempfehlung zu uns kommen, heißt das nicht, dass sie jedes Wort verstehen oder dass sie alles lesen können. Wir müssen alle unterstützen, egal woher sie kommen. Es sind bei uns alle willkommen.

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Fotos oben (von links):  Sara (16, Schalker Gymnasium, BildungsTandems-Coachin), Emma (11 Jahre, ehemals als Grundschulkind bei den BildungsTandems), Kerstin Beiert-Köpke (Erprobungsstufenkoordination, Schalker Gymnasium) und Gudrun Overhage (OGS Sternschule).

Darum geht’s im Peer-Learning-Programm ZukunftsBande ...

Gemeinschaft stärken, Respekt und Toleranz üben, Solidarität leben – das erproben Schülerinnen und Schüler im Peer-Learning-Programm BildungsTandems der GLS Zukunftsstiftung Bildung. 

Auf der Basis von Peer-Learning erleben sich ältere und jüngere Schülerinnen und Schüler als starke Partner füreinander. Das Programm hat nicht nur die Förderung von Lesekompetenz und Selbstwirksamkeit der teilnehmenden Schüler*innen im Fokus, sondern stärkt auch als außerunterrichtliche, demokratiepädagogische Komponente das Soziale Lernen und die Übernahme von Verantwortung.

Wissenschaftlich evaluiert wird das Programm unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Silvia-Iris Beutel, Professorin für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik, Schwerpunkt Lehr-/Lernprozesse und empirische Unterrichtsforschung an der TU Dortmund.
Die RAG-Stiftung ist seit März 2022 Hauptförderer des Programms.
 

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„Meine Kommunikation hat sich durch die Verantwortungsübernahme bei den BildungsTandems auf jeden Fall weiterentwickelt“

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