Wir vor Ort bei der Grundschule im Dichterviertel
„Glück hat keine Rolle gespielt. Das kann jede Schule schaffen.“
08.07.2026
Passend zu unserem Jahresthema „Perspektiven wechseln“ tun wir in dieser Textreihe genau das: Wir besuchen Menschen, mit denen wir in unserer Arbeit auf vielfältige Weise zu tun haben, und möchten erfahren, was sie beschäftigt, was ihre Beweggründe für ihr Handeln sind und wie ihre Perspektive auf vielleicht gemeinsame Themen ist. Wir sind also vor Ort und wechseln selbst unsere Perspektive. Heute sind wir zu Besuch an der Grundschule am Dichterviertel in Mülheim an der Ruhr.
Von Kristin Behnke
Es ist noch kalt, als wir an diesem Morgen im Dichterviertel ankommen. Ungemütlich beschreibt die Wetterlage ganz gut und der Sommer scheint noch weit entfernt zu sein. Vor dem Schuleingang laufen kleine Schuhe den Bordstein entlang, Jacken rascheln, irgendwo fällt eine Brotdose hinunter und es wird gelacht. Ein ganz normaler Start in einen Schultag eben. Und doch merkt man schon in den ersten Minuten: Hier ist etwas anders.
Nicola Küppers, die Schulleiterin, begrüßt uns fröhlich und mit einer Energie, die sofort spürbar macht, dass diese Schule in Bewegung ist. Sie lächelt, nimmt uns die Jacken ab und dirigiert uns ins Schulleitungszimmer. Dort ist es ziemlich eng. „Mehr Platz haben wir hier einfach nicht“, sagt sie und zuckt mit einem Ausdruck zwischen Pragmatismus und Heiterkeit die Schultern. Dieser beiläufige Satz sagt vielleicht mehr über die Schule, als es auf den ersten Blick scheint. Vieles wirkt hier so, als würde man nicht lange bei den Schwierigkeiten stehenbleiben, sondern pragmatisch nach Lösungen suchen.
Seit der Auszeichnung mit dem Deutschen Schulpreis in den Jahren 2021 und 2023 kommen Besucher*innen aus ganz Deutschland
Wenige Schritte weiter betreten wir die große, helle Vorhalle. Es gibt viel zu sehen, ohne dass der Raum unruhig wirkt. Sitzgelegenheiten, Bilder, kleine Nischen und teilweise ungewöhnliche Orte zum Arbeiten schaffen eine Atmosphäre, die offen ist und zugleich Orientierung gibt. „Donnerstags herrscht bei uns immer ein bisschen Ausnahmezustand“, sagt Nicola Küppers, während wir weitergehen. Seit der Auszeichnung mit dem Deutschen Schulpreis in den Jahren 2021 und 2023 kommen Besucher*innen aus ganz Deutschland, manchmal aus der ganzen Welt, an manchen Donnerstagen rund zwanzig Menschen gleichzeitig, um sich anzuschauen, wie hier gearbeitet wird. Schulleitungen, Lehrkräfte, Fachleute oder einfach Menschen, die wissen wollen, wie Schule auch aussehen kann. Die Kinder kennen das längst und freuen sich, erzählt Küppers, wenn wieder Gäste da sind, nicht weil dann etwas Besonderes aufgeführt würde, sondern weil sie ihre Schule zeigen können.
Und tatsächlich wirkt an diesem Morgen nichts inszeniert. Der Tag beginnt klar und konzentriert. Es gibt verlässliche Abläufe, Orientierung und in allen neun jahrgangsübergreifenden Lerngruppen identische gemeinsame Einstiege. In der Gruppe, die wir heute besuchen, hat eine Erstklässlerin gerade den Tagesordner in der Hand und fragt gut gelaunt in die Runde: „Guten Morgen, wer möchte uns denn mal sagen, welches Datum wir heute haben?“
Nach dem Blick auf den Tag öffnen sich die Lernkontexte: Manche Kinder arbeiten in kleinen Gruppen, andere allein, wieder andere gehen mit Sitzteppichen unterm Arm in den Flur, sitzen an Tischen oder in Ecken. Niemand scheint sich daran zu stören, dass Lernen nicht für alle gleich aussieht, im Gegenteil: Gerade darin liegt hier an der Grundschule am Dichterviertel ein Grundprinzip und eine Stärke.
Der Unterricht ist adaptiv angelegt, Kinder werden auf unterschiedlichen Niveaus und in unterschiedlichem Tempo begleitet
Die Grundschule am Dichterviertel hat ihre Arbeit konsequent am Lernen der Kinder ausgerichtet. Der Unterricht ist adaptiv angelegt, Kinder werden auf unterschiedlichen Niveaus und in unterschiedlichem Tempo begleitet und das jahrgangsübergreifende Lernen gehört selbstverständlich dazu. Im Porträt des Deutschen Schulpreises1 wird beschrieben, wie das Kollegium Kompetenzraster, Lernwege und individuelle Lernpläne entwickelt hat, um die Potenziale der Kinder möglichst genau in den Blick zu nehmen.
Was in Fachtexten nüchtern „adaptive Förderung“ heißt, wird vor Ort sehr schnell konkret verständlich: Schnellere Kinder müssen nicht warten, bis andere aufgeholt haben und gleichzeitig werden diejenigen nicht abgehängt, die mehr Zeit brauchen.
„Wichtig ist uns vor allem, dass es unseren Kindern etwas bringt“, sagt Nicola Küppers. „Wir hinterfragen hier viel. Und alles, was unsinnig ist, streichen wir raus.“ Gerade im System Schule, in dem vieles aus Tradition, Gewohnheit oder aus Ressourcenmangel weitergeführt wird, fällt diese Haltung besonders auf. Hier sind die zentralen Fragen: Was hilft dem Lernen? Was stärkt Kinder wirklich? Was brauchen sie und worauf kann man verzichten? Das lässt sich nicht nur im Unterricht beobachten, sondern auch an vielen kleinen Dingen im Schulalltag.
Dazu gehört auch das regelmäßige Frühstück für alle Kinder, ermöglicht durch Brotzeit e.V., einer von Uschi Glas gegründeten Initiative. Denn Lernen fällt leichter, wenn nie-mand hungrig ist. Dasselbe gilt für die Forschergruppen, in denen Kinder ihren Interessen nachgehen, Fragen vertiefen und selbstorganisiert arbeiten können. Sie entdecken neue Themen über den Lehrplan hinaus, tragen Ergebnisse zusammen und präsentieren anderen ihre Lernerfahrungen und neuen Erkenntnisse. „Ich beschäftige mich im Moment mit dem Marianengraben“, stellt eine Drittklässlerin später der Gruppe vor, „heute habe ich etwas über den Blobfisch herausgefunden.“ Danach geht es in den Tagesergebnissen eines Mitschülers um Wechselstrom. Alle hören echt interessiert zu und fragen nach. Man spürt, dass ihnen hier etwas zugetraut wird, dass sie sich gegenseitig etwas zutrauen und dass sie gezielt darin unterstützt werden, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln.
Die Kinder erleben hier, dass es normal ist, Hilfe zu brauchen und sich Unterstützung zu holen
Ein gutes Beispiel dafür sind auch die „Krisenkarten“. Zunächst wirken sie wie ein kleines praktisches Instrument, tatsächlich verweisen sie auf eine wichtige Haltung an einem Ort, an dem viele Menschen zusammenkommen und der Alltag nur gemeinsam getragen werden kann. In jedem Klassenraum hängen zwei Karten. Wenn eine Lehrkraft Unterstützung braucht, kann auf diesem Weg innerhalb weniger Minuten eine weitere erwachsene Person dazukommen. Die Kinder haben es geübt wie das Verhalten bei Feueralarm: Zieht die Lehrkraft die Krisenkarte, bringen sie eine in den Nebenraum und eine direkt in die Verwaltung. Dahinter steht der Gedanke, dass jede und jeder einmal an Grenzen kommen kann. Die Kinder erleben hier, dass es normal ist, Hilfe zu brauchen und sich Unterstützung zu holen.
Ähnlich einfach und gleichzeitig berührend ist die „Freundebank“ in der Pausenhalle. Wenn ein Kind sich dort hinsetzt, sendet es ein Zeichen an die anderen Kinder: Ich brauche gerade jemanden, der sich zu mir setzt. Und wer dort sitzt, bekommt soziale Unterstützung.
Besonders hängen bleibt auch, was Nicola Küppers über das Lernen durch Erfahrung sagt. „Was bringt es jemandem, ein Fahrrad korrekt beschriften zu können, der noch nie ein Fahrrad gesehen hat – geschweige denn jemals eines gefahren ist?“ Die Antwort der Schule darauf ist ziemlich klar: Dann braucht dieses Kind eben nicht zuerst ein Arbeitsblatt, sondern einen Besuch vor Ort in der Fahrradwerkstatt. Die gibt es hier tatsächlich und sie wird ehrenamtlich geführt. Überhaupt spielen ehrenamtliche Projekte an dieser Schule eine wichtige Rolle, ebenso wie die Zusammenarbeit mit Eltern und außerschulischen Partnern. Auf der Schulwebseite wird genau diese Vernetzung ausdrücklich als Teil der Schulentwicklung hervorgehoben. Kooperationen, Projektarbeit, Umweltbildung, Demokratiepädagogik und Globales Lernen gehören hier erkennbar zum Selbstverständnis.
Auch Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist an dieser Schule gelebte Praxis. Sie zeigt sich im Schulleben, in Partnerschaften, in Themen und in der Frage, wie Kinder Verantwortung übernehmen, ihr Umfeld mitgestalten und das eigene Handeln reflektieren können. Auch hierfür wurde die Schule mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2025 mit dem DSLK-Schulpreis für nachhaltige Entwicklung.
Teamarbeit ist hier eine tragende gemeinschaftliche Struktur
Je länger wir durch das Gebäude gehen, desto klarer wird: Das alles ist nicht nebenbei entstanden. Dahinter steckt viel Arbeit. Die Grundschule am Dichterviertel ist nicht deshalb so besonders, weil hier alles leicht wäre, sondern weil man hier genau hinschaut: Auf die Kinder, auf ihre Voraussetzungen, auf aktuelle Ergebnisse der Bildungsforschung und auf die Frage, was Unterricht tatsächlich wirksam macht. Der Deutsche Schulpreis beschreibt die Schule als Beispiel für „Potenzialentfaltung und professionelles Qualitätsmanagement“ und hebt hervor, wie eng hier Lern- und Entwicklungsorientierung mit fachlicher Reflexion und systematischer Professionalisierung verbunden werden.
Auch das Kollegium arbeitet anders, als man es vielerorts kennt. Teamarbeit ist hier eine tragende gemeinschaftliche Struktur. Wöchentliche Teamtreffen, gemeinsame Unterrichtsplanung, geteilte Verantwortung, mehrfach nutzbare Materialien und digitale Werkzeuge tragen dazu bei, dass aus individueller Mehrarbeit mit der Zeit gemeinsame Entlastung wird. Die wöchentlichen Teamsitzungen dienen dabei als zentrales Element der gemeinsamen Professionalisierung, denn dort werden Unterrichtssequenzen zusammen vorbereitet und Herausforderungen im Miteinander bearbeitet.
Nicola Küppers formuliert es deutlich: „Klar, am Anfang macht Kooperation und Kollaboration erst einmal mehr Arbeit.“ Sie sagt das ohne Beschönigung, dann lächelt sie. „Aber jetzt können wir deutlich zeitsparender arbeiten, weil eben nicht mehr jede und jeder nur etwas für sich produziert, sondern wir für das gesamte Team und die gesamte Schule mitdenken.“ Darin zeigt sich ein Verständnis von Schule, das auf gemeinsame Verantwortung und Entwicklung setzt und gerade unter den aktuellen Bedingungen sehr nachvollziehbar wirkt. Wie viel Glück steckt in dieser Schulerfolgsgeschichte, war Nicola Küppers einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Küppers antwortet entschieden: „Glück hat keine Rolle gespielt. Das kann jede Schule schaffen.“
Was brauchen Kinder, damit sie lernen, wachsen und sich als wirksam erleben können?
Prof. Dr. Thomas Häcker, Jurymitglied des Deutschen Schulpreises, hat für diese Schule einen treffenden Begriff gefunden. Er nennt sie ein „Gesamtkunstwerk“. Gemeint ist damit nicht unbedingt Perfektion, sondern das Ineinandergreifen vieler Ebenen anspruchsvollen Arbeitens: Unterricht, Teamkultur, Reflexion, individuelle Förderung und kindorientierte Schulentwicklung.
Vielleicht ist das der stärkste Eindruck, den wir an diesem verschneiten Tag mitnehmen. Vieles greift hier ineinander und läuft am Ende auf dieselbe Frage hinaus: Was brauchen Kinder, damit sie lernen, wachsen und sich als wirksam erleben können – und wie können Erwachsene Strukturen schaffen, die genau das ermöglichen?
Als wir mittags nach unserem Besuch aus dem Schulgebäude treten, erwartet uns Nieselregen. Vor der Tür laufen Kinder vorbei, reden fröhlich durcheinander und ziehen Kapuzen auf. Wir verlassen die Grundschule am Dichterviertel voller Bilder und Geschichten, die uns noch lange begleiten und inspirieren werden.
1Vgl. www.deutscher-schulpreis.de/preistraeger/grundschule-am-dichterviertel/portraet (Letzter Zugang: 25.03.2026)
Quellen:
www.deutscher-schulpreis.de/preistraeger/grundschule-am-dichterviertel/portraet
ggschule-am-dichterviertel.com/word/