„Kompromisse sind nötig, um unterschiedliche Ideen und Vorstellungen einem gemeinsamen Nenner unterzuordnen“

13.05.2026

Ein Perspektivenwechsel eröffnet Verständnis, ermöglicht neue Einsichten und stärkt gelingende Beziehungen, gemeinsames Lernen sowie demokratisches Miteinander. Deshalb hat die GLS Zukunftsstiftung Bildung das Jahr 2026 unter das Leitmotiv „Perspektiven wechseln“ gestellt – ein Thema, das unsere Arbeit in Veranstaltungen, Programmen und Veröffentlichungen begleitet. In diesem Rahmen kommen wir auch ins Gespräch mit verschiedenen Menschen aus unserem Netzwerk, um unterschiedliche Stimmen und Perspektiven sichtbar zu machen. 

Hier sind 3 Fragen an Toby Binder ...
 

Gib uns doch mal einen Einblick in deine aktuelle Welt bzw. Perspektive: Was bewegt dich zurzeit? Was beschäftigt dich momentan besonders? Welche Themen, Fragen oder Perspektiven sind für dich im Moment besonders präsent? 

Ich bin da etwas zwiegespalten: Wie vermutlich aktuell viele, besorgt auch mich das zunehmende Auseinanderdriften der Gesellschaft in vielen Bereichen. Dass Entscheidungen oft nicht mehr über Fakten, sondern vermehrt durch Gefühle getroffen werden, die gezielt getriggert werden. Und dabei auch viel schlechter geredet werden, als sie tatsächlich sind – und dabei geht es nicht darum, dass Dinge kritisiert werden, die nicht gut laufen. Sondern darum, dass ein derart negativer Schleier über alles gelegt wird, der lähmt und gleichzeitig Wut schürt. Andererseits spüre ich im Kleinen vor allem immer wieder große Solidarität und empathische Menschen, die wirklich etwas zum Positiven verändern möchten. 

Wann hat ein Perspektivenwechsel zuletzt etwas in deinem Denken oder Handeln verändert? Beziehungsweise: Wann hat es dir schon einmal geholfen, dass jemand anders seine Perspektive gewechselt hat?

Eigentlich begegne ich als Fotograf ganz häufig Situationen, bei denen ein Perspektivenwechsel hilft, komplizierte Zusammenhänge besser zu verstehen und bestenfalls Konflikte zu lösen. In meinem Belfast-Projekt habe ich daher auch bewusst versucht, die beiden seit Jahrhunderten verfeindeten Gruppen von protestantischen Loyalsten und katholischen Unionisten, zu einem Perspektivwechsel zu bewegen. Da für mich als Außenstehenden vor allem in den ärmeren Arbeitervierteln die Gemeinsamkeiten wie soziale Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit, Probleme mit Drogen und Kriminalität, viel offensichtlicher waren, als die angeblich trennenden Unterschiede der Zugehörigkeit, die aber schon immer von Hardlinern beider Seite in den Vordergrund gespielt werden. Zudem wurde ich stets als unvoreingenommen und „neutral“ angesehen und konnte so beide Communities gleichermaßen fotografieren. Als dann eine alte Frau das entstandene Buch betrachtet hat und meinte: „Schau, die Kinder von denen sind doch eigentlich genauso wie die unseren“ wurde mir klar, dass so ein Perspektivwechsel auch ganz konkret Auswirkungen auf die Wahrnehmung und weiterführend auch das Handeln haben kann.

Natürlich betrifft dies auch immer wieder mich selbst. Als ich zum Beispiel einmal eine Serie über Kinderarbeit in Bolivien fotografiert habe, bin ich mit der – unserem europäischen Verständnis geschuldeten – Überzeugung an die Arbeit gegangen, dass es Kinderarbeit generell nicht geben darf. Als ich dann aber viel Zeit mit den Kindern und Jugendlichen bzw. ihren Familien verbracht habe, wurde mir klar, dass diese Vorstellung zwar der optimale Zustand wäre, aber mit der Lebensrealität dieser Menschen nicht in Einklang zu bringen ist. Jedenfalls aktuell noch nicht. Die Kinder müssen durch ihre Arbeit dazu beitragen, dass die Familie überleben kann. Das ist ein Fakt. Wir müssen die Menschen vor Ort dahingehend unterstützen, dass die Armut generell bekämpft wird und Kinderarbeit dann nicht mehr nötig sein wird. 

Wo würdest du dir aktuell mehr Perspektivenwechsel wünschen? Was wäre ein konkreter erster Schritt?

Wenn wir unsere Demokratie schützen wollen, müssen wir alle wieder häufiger versuchen, uns in die Situation von anderen hineinzuversetzen. Denn Demokratie besteht nun mal oft aus Kompromissen. Und Kompromisse sind nötig, um unterschiedliche Ideen und Vorstellungen einem gemeinsamen Nenner unterzuordnen. Wenn ich letztendlich meine Meinung als das einzig Richtige darstelle, beschädige ich damit bewusst oder unbewusst die Demokratie. Für Populisten ist es dann ein Leichtes, die Gesellschaft durch Lügen und Hetze weiter zu spalten und Fakten letztendlich ganz aus Entscheidungsprozessen zu verdrängen und zu einem gefährlichen „Die gegen uns“ zu stilisieren.

Toby Binder

Zur Person

Toby Binder ist Fotograf und dokumentiert in seiner Fotografie häufig den Alltag von marginalisierten Menschen in Krisen- und Nachkriegsregionen. Seien es Kinder, die in Nigeria als Hexen stigmatisiert werden, die erste Bürgermeisterin in Afghanistan oder Bergleute in der Demokratischen Republik Kongo, die den Milizen den Krieg erklärt haben – es sind die ungewöhnlichen Geschichten, die uns so viel über unsere Welt erzählen. Dass er oft die Perspektive von Kindern und Jugendlichen einnimmt, beruht auf seiner festen Überzeugung, dass wir der nächsten Generation eine bessere Welt hinterlassen sollten – und aktuell Gefahr laufen, dabei zu versagen.

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