„Die rasante Entwicklung der Möglichkeiten von KI verändert die Perspektive der Schulentwicklung für mich“

11.05.2026

Ein Perspektivenwechsel eröffnet Verständnis, ermöglicht neue Einsichten und stärkt gelingende Beziehungen, gemeinsames Lernen sowie demokratisches Miteinander. Deshalb hat die GLS Zukunftsstiftung Bildung das Jahr 2026 unter das Leitmotiv „Perspektiven wechseln“ gestellt – ein Thema, das unsere Arbeit in Veranstaltungen, Programmen und Veröffentlichungen begleitet. In diesem Rahmen kommen wir auch ins Gespräch mit verschiedenen Menschen aus unserem Netzwerk, um unterschiedliche Stimmen und Perspektiven sichtbar zu machen. 

Hier sind 3 Fragen an Christof Haering …

Geben Sie uns doch mal einen Einblick in Ihre aktuelle Welt bzw. Perspektive: Was bewegt Sie zurzeit? Was beschäftigt Sie momentan besonders? Welche Themen, Fragen oder Perspektiven sind für Sie im Moment besonders präsent?

Persönlich machen mir die zunehmenden Kriege in der Welt und die Gefährdung der Demokratie und der Freiheit und Menschenrechte Sorgen. Ich meine, an unserer Schule im Umgang mit allen mehr Angst, mehr Nervosität, weniger Gleichberechtigung und Respekt zu spüren.

Die Perspektive des Lernens ist aktuell sehr offen, manchmal unklar – wirklich spannend: Besonders präsent ist die Rolle von künstlicher Intelligenz für die schulische Bildung der Schüler*innen. Wie bekommen wir es hin, dass die KI wirklich zu einer Kompetenzverbesserung der Jugendlichen – und nicht zum Gegenteil führt? Und: Wie gelingt es, in unserer digitalen Welt Jugendliche dazu zu bewegen, respektvoll die Möglichkeiten der Individualisierung zu nutzen, miteinander kompetent, sozial und kreativ umzugehen, ohne Respektverletzungen zu akzeptieren?

Wir arbeiten in der Schule daran, digitale Möglichkeiten und KI für viel stärker selbstbestimmte Formen des Lernens zu nutzen, für Schüler*innen in Klassen, Gruppen oder alleine – für das eigene Lerntempo. Wir brauchen dann einen neuen Schwerpunkt in der Begleitung der Lernenden – mehr Motivation und kontinuierliches Coaching – in einer Haltung des Growth Mindsets.

Das bedeutet aber eine ganz andere Schule in der Zukunft – baulich, von allen beteiligten Personen her, Stadt und Gesellschaft einbeziehend – und sehr offen für alles, was kommt. 

Wann hat ein Perspektivenwechsel zuletzt etwas in Ihrem Denken oder Handeln verändert?

Zum einen hat Corona ganz viel dazu beigetragen, eine neue Perspektive auf Schule und Unterricht zu entwickeln. Zum Beispiel habe ich erlebt, dass Kinder davon profitiert haben, alleine zu Hause gearbeitet zu haben. Muss Schule wirklich so sein, wie sie ist?

Dann verändert die rasante Entwicklung der Möglichkeiten von KI die Perspektive der Schulentwicklung für mich, auch ohne genau zu wissen, wie es damit weitergeht. Das öffnet Kopf und Herz für Gedanken, lässt von manch scheinbar Festgefügtem, also klassische Schule, Abstand nehmen – und uns offen werden für eine individualisierte Bildung und Erziehung. Allerdings mit allen Gefahren der KI und ganz vielen Gefahren für Demokratie, Respekt, soziale Kooperation.

Und zuletzt hat mich die Idee des Growth Mindsets verändert. Sie ermöglicht eine an Entwicklung und Fortschritt glaubende Bildung; sie ist grundoptimistisch, sie sucht nicht nach Defiziten, sondern nach Möglichkeiten. Die US-amerikanische Psychologin Carol Dweck beschreibt damit die Überzeugung, dass Fähigkeiten durch Übung, Feedback und Ausdauer veränderbar sind. Menschen mit einem Growth Mindset lernen aus Fehlern, bleiben in herausfordernden Situationen handlungsfähig und übernehmen Verantwortung für ihren Lernweg. 

Und die Kriege und die Gewalt und Demokratiefeindlichkeit führen bei mir dazu, dass es ein Kernziel von Schule sein muss, daran mehr denn je zu arbeiten.

Wo wünschen Sie sich aktuell mehr Perspektivenwechsel? Was wäre ein konkreter erster Schritt?

Ich wünsche mir insgesamt eine Offenheit für Perspektivwechsel, gerade im Bereich Bildung, soziales Miteinander und Demokratielernen – aber auf der Basis gemeinsamer Überzeugungen.

Unser Perspektivwechsel an der Schule hat eine Persönlichkeitsentwicklung in den Blick genommen, die maßgeblich außerschulische Kooperationen nutzt: Zum Beispiel für soziales und politisches Engagement als Bestandteil der Ausbildung ALLER Schüler*innen – darunter Peer-Projekte, wie bei der GLS Zukunftsstiftung Bildung – zur Unterstützung anderer Menschen.  Im Bereich Spirit geht es um diese Aspekte der Persönlichkeit, die wichtig für ein aktives und mündiges Handeln in unserer Gesellschaft sind. Die anderen Aspekte sind für uns Body (Sport, Hauswirtschaft, …), Soul (Musik, Kunst, Theater …) und Mind. Im Bereich Mind geht es darum, mit einer eigenen Stärke und einer Schwäche als Challenge, umzugehen.

Aber die Stärkung von einer starken Demokratie und einer starken toleranten Gesellschaft, die sich um Vielfalt und Gerechtigkeit bemüht – das ist das Wichtigste, da wünsche ich mir viel mehr Perspektiven.  

Christof Haering

Zur Person

Christof Haering ist Schulleiter des Landfermann-Gymnasiums in Duisburg, Schulformsprecher der Duisburger Gymnasien, Schulvertreter im Lenkungsausschuss LemaS des Landes NRW und Mitglied des Innovationsbeirates im Schulministerium Nordrhein-Westfalen. 
 

Foto: Florian Dürkopp

Weitere Neuigkeiten

Jahresthema „Perspektiven wechseln“: 3 Fragen an Christof Haering

Jahresthema „Perspektiven wechseln“: 3 Fragen an Aysel Osmanoglu

Jahresthema „Perspektiven wechseln“: 3 Fragen an Prof. Dr. Silvia-Iris Beutel