„Schule braucht eine demokratiehaltige Lernarchitektur“

20.04.2026

Ein Perspektivenwechsel eröffnet Verständnis, ermöglicht neue Einsichten und stärkt gelingende Beziehungen, gemeinsames Lernen sowie demokratisches Miteinander. Deshalb hat die GLS Zukunftsstiftung Bildung das Jahr 2026 unter das Leitmotiv „Perspektiven wechseln“ gestellt – ein Thema, das unsere Arbeit in Veranstaltungen, Programmen und Veröffentlichungen begleitet. In diesem Rahmen kommen wir auch ins Gespräch mit verschiedenen Menschen aus unserem Netzwerk, um unterschiedliche Stimmen und Perspektiven sichtbar zu machen. Heute: 3 Fragen an Prof. Dr. Silvia-Iris Beutel.

Geben Sie uns doch mal einen Einblick in Ihre aktuelle Welt bzw. Perspektive: Was bewegt Sie zurzeit? Was beschäftigt Sie momentan besonders? Welche Themen, Fragen oder Perspektiven sind für Sie im Moment besonders präsent?

Ich habe mich gerade mit 17 Expert*innen für Unterricht und Lernen bei Spektrum der Wissenschaft mit der Frage: “Die Schule der Zukunft. Wie wir lernen neu denken – gemeinsam, mutig, wirksam” beschäftigt. Transformation ist ja ein allgegenwärtiges Phänomen und ein Schlüsselbegriff für komplexe Herausforderungen und Zukunftsszenarien aufnehmende Bildungsarbeit, die Lernen, Wertevermittlung, Persönlichkeitsstärkung und Kompetenzgewinn als miteinander verbunden ansieht. Es geht in Schule und Bildung darum, dass Lehrende und multiprofessionelle Teams Einsicht in die gesellschaftliche Dimension pädagogischer Aufgaben gewinnen, in Projekten curriculare Brücken zwischen Lebens- und Lernwelt spannen und vor allem das Wohlbefinden der Schüler*innen im Blick behalten. Dazu braucht es einen empathischen Kompass an jeder Schule und ein positives Verhältnis zur Welt. Zur Navigation von Schule in die Zukunft gehört für mich dabei, Anerkennung und Sichtbarmachung von Vielfalt als humane Quelle im Sinne der Inklusion, die Öffnung der Schule als Forum und Lernumgebung von Demokratie. Das bedeutet aber auch, dass wir Lernen und Leistung neu dimensionieren und in ein qualitätsvolles Bildungsverständnis einbetten. Selbstwirksamkeitserleben in Gelingensnachweisen und Selbstbestimmtheit in Prüfungssettings ermöglichen. Sie sehen, meine Gedanken bewegen sich gerade in einem großen Schwungrad, das es zu bearbeiten gilt. 

Wann hat ein Perspektivenwechsel zuletzt etwas in Ihrem Denken oder Handeln verändert? Beziehungsweise: Wann hat es Ihnen schon einmal geholfen, dass jemand anders seine Perspektive gewechselt hat?

Die Weltkulisse, die wir erleben, rüttelt mich jeden Tag auf. Kriegerische Ambitionen, völkerrechtliche Verletzungen, Ausgrenzungen, Zurückdrängen von Vielfalt, ein Verwehren von friedlichen Lebenschancen, aber auch die empirische Wahrnehmung, dass es Kindern und Jugendlichen in der Schule oftmals nicht gut geht. „School as a good place to grow up in“, das habe ich in meiner Zeit an der Laborschule erfahren und gelebt gesehen, aber heute scheinen mir die demokratischen Verhältnisse an Schulen zum Teil schwer verwahrlost zu sein. Keine andere gesellschaftliche Einrichtung ist aber besser geeignet, Kinder und Jugendliche auf einen konstruktiven Umgang mit Heterogenität und Differenz vorzubereiten als die Schule. Es genügt aber nicht, Heterogenität als Kompositionsprinzip von Lerngruppen anzusehen und darauf zu hoffen, dass hieraus eine Kultur der Vielfalt entsteht. Schule braucht eine verlässliche kommunikative Infrastruktur und eine demokratiehaltige Lernarchitektur. Das verfolge ich jetzt noch konsequenter, vor allem in schulkultureller Ausprägung, in der Frage der Unterrichtsqualität und der Bündnissetzung mit Bildungspartner*innen.

Wo wünschen Sie sich aktuell mehr Perspektivenwechsel? Was wäre ein konkreter erster Schritt?

Ich wünsche mir ganz entschieden, wenn ich es auf Schule beziehe, dass alle an Fragen und Aufgaben von Erziehung und Bildung beteiligten Verantwortlichen aktiv dafür eintreten, dass unsere Demokratie erhalten bleibt und sich nicht auf ein Neutralitätsgebot zurückziehen, das Teilnahmslosigkeit, Ertragen und schweigendes Abwarten zur Folge hat. Unsere Geschichte lehrt uns: Jetzt sind wir dran, laut und deutlich für Frieden und Gemeinschaft einzutreten.  

 

 

Zur Person

Prof. Dr. Silvia-Iris Beutel ist Professorin für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik, Schwerpunkt Lehr-/Lernprozesse und empirische Unterrichtsforschung an der TU Dortmund. Unter ihrer Leitung wird das Peer-Learning-Programm BildungsTandems der GLS Zukunftsstiftung Bildung wissenschaftlich evaluiert. Beutel ist außerdem Mitglied des Programm­teams der Deutschen Schulakademie und leitet das Regional­team West der Akademie. Außerdem ist sie Mitglied der Vorjury des Deutschen Schulpreises.

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