„Wir brauchen auch junge Perspektiven, um zukunftsfähig zu entscheiden“

04.05.2026

Ein Perspektivenwechsel eröffnet Verständnis, ermöglicht neue Einsichten und stärkt gelingende Beziehungen, gemeinsames Lernen sowie demokratisches Miteinander. Deshalb hat die GLS Zukunftsstiftung Bildung das Jahr 2026 unter das Leitmotiv „Perspektiven wechseln“ gestellt – ein Thema, das unsere Arbeit in Veranstaltungen, Programmen und Veröffentlichungen begleitet. In diesem Rahmen kommen wir auch ins Gespräch mit verschiedenen Menschen aus unserem Netzwerk, um unterschiedliche Stimmen und Perspektiven sichtbar zu machen. 

Hier sind 3 Fragen an Aysel Osmanoglu ...
 

Gib uns doch mal einen Einblick in deine aktuelle Welt bzw. Perspektive: Was bewegt dich zurzeit? Was beschäftigt dich momentan besonders? Welche Themen, Fragen oder Perspektiven sind für dich im Moment besonders präsent? 

Wenn ich auf meine aktuelle Welt blicke, beschäftigen mich besonders soziale Kipppunkte und unsere Verantwortung für eine sozial-ökologische Zukunft. Wir stehen an vielen Schwellen, an denen sich entscheidet, in welche Richtung wir uns entwickeln, ob ökologisch, wirtschaftlich oder sozial. Diese Entwicklung ist kein Selbstläufer, sondern eine Gestaltungsaufgabe, die wir nur gemeinsam schaffen.

Dabei spielen Perspektivenvielfalt und Perspektivenwechsel für mich eine zentrale Rolle. Die Frage ist: Wie wollen wir uns begegnen? Echte Empathie, also wirkliches Interesse am Gegenüber, ist für mich eine Schlüsselkompetenz, gerade für eine lebendige Demokratie. Denn gesellschaftlicher Zusammenhalt tut uns nicht nur im Sozialen gut, sondern ist auch eine Grundlage für wirtschaftliche Stabilität.

Ein weiterer Fokus liegt auf der Persönlichkeitsentwicklung. Die Fähigkeit, mit Unterschiedlichkeit umzugehen und verantwortungsvoll zu handeln. Gerade in einer Zeit, in der KI viele Antworten liefert, bleibt Haltung etwas, das wir nur im Miteinander lernen.

Und mich treibt die Frage der Generationengerechtigkeit um. Entscheidungen von heute wirken oft über Jahrzehnte. Deshalb brauchen wir bewusst auch junge Perspektiven, um zukunftsfähig zu entscheiden.

Wann hat ein Perspektivenwechsel zuletzt etwas in deinem Denken oder Handeln verändert? Beziehungsweise: Wann hat es dir schon einmal geholfen, dass jemand anders seine Perspektive gewechselt hat?

Am deutlichsten hat es mir in Konfliktsituationen geholfen. Wenn es mir gelingt mein Gegenüber besser zu verstehen: Was bewegt diese Person gerade? Welche Erfahrungen prägen ihr Handeln? Dieser Schritt verändert viel. Aus Ärger wird oft Verständnis und aus Distanz entsteht Verbindung. Ich werde klarer und gleichzeitig konstruktiver im Umgang mit Konflikten.

Meine Erfahrung ist, dass Menschen gesehen werden wollen. Echtes Interesse ist oft der erste Schritt, um gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln. Und dafür brauchen wir Zeit miteinander.

Ein Perspektivenwechsel schafft so die Grundlage für Zusammenarbeit, die nicht auf Gegensätzen, sondern auf gemeinsamen Interessen aufbaut.

Wo würdest du dir aktuell mehr Perspektivenwechsel wünschen? Was wäre ein konkreter erster Schritt?

Ich wünsche mir mehr Perspektivenvielfalt vor allem auf gesellschaftlicher und politischer Ebene. Häufig werden komplexe Fragen zu einseitig betrachtet, etwa mit starkem Fokus auf wirtschaftliche Interessen oder einzelnen Lösungsansätzen. Doch die großen Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nicht aus einer Perspektive herauslösen.

Wir brauchen Räume, in denen unterschiedliche Sichtweisen zusammenkommen, etwa durch Zukunftsräte oder stärkere Einbindung verschiedener Generationen. Gerade junge Menschen müssen stärker in Entscheidungen einbezogen werden, wenn es um langfristige Weichenstellungen geht.

Ein konkreter erster Schritt wäre für mich, den Perspektivenwechsel systematisch zu verankern: in Organisationen, in politischen Prozessen und auch im Alltag. Das bedeutet, bewusst die Frage zu stellen: Welche Sicht fehlt hier noch? Und was würde sich ändern, wenn wir Entscheidungen aus einer anderen Perspektive betrachten würden, auch aus der eines Menschen, der möglicherweise die Konsequenzen erst in der Zukunft trägt?

Denn genau darin liegt für mich die Kraft des Perspektivenwechsels: Er bereichert und erweitert nicht nur unseren Blick, er verbessert unsere Entscheidungen.
 

 

 

Aysel Osmanoglu

Zur Person

Aysel Osmanoglu ist Vorständin für Firmenkunden*innen und Treasury, Strategie und Kommunikation bei der GLS Bank. Sie begann ihren beruflichen Werdegang 2002 als studentische Mitarbeiterin bei der Ökobank, die ein Jahr später von der GLS Bank übernommen wurde. 2006 wurde sie Trainee der GLS Bank und ab 2013 Bereichsleiterin Basisgeschäft und Marktfolge. Sie hat Volks- und Betriebswirtschaftslehre in Heidelberg und Frankfurt am Main studiert. Aysel Osmanoglu ist zudem diplomierte Bankbetriebswirtin im Fach Management der Akademie Deutscher Genossenschaften. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter. In ihrer Biografie erlebte sie unterschiedliche Bildungssysteme in Bulgarien, der Türkei und Deutschland.

Weitere Neuigkeiten

Jahresthema „Perspektiven wechseln“: 3 Fragen an Aysel Osmanoglu

Jahresthema „Perspektiven wechseln“: 3 Fragen an Prof. Dr. Silvia-Iris Beutel

Stellenausschreibung: Workshopleitungen für die BildungsTandems gesucht