„Kompromisse sind nötig, um unterschiedliche Ideen und Vorstellungen einem gemeinsamen Nenner unterzuordnen“
15.06.2026
Ein Perspektivenwechsel eröffnet Verständnis, ermöglicht neue Einsichten und stärkt gelingende Beziehungen, gemeinsames Lernen sowie demokratisches Miteinander. Deshalb hat die GLS Zukunftsstiftung Bildung das Jahr 2026 unter das Leitmotiv „Perspektiven wechseln“ gestellt – ein Thema, das unsere Arbeit in Veranstaltungen, Programmen und Veröffentlichungen begleitet. In diesem Rahmen kommen wir auch ins Gespräch mit verschiedenen Menschen aus unserem Netzwerk, um unterschiedliche Stimmen und Perspektiven sichtbar zu machen.
Hier sind 3 Fragen an Prof. Dr. Karim Fereidooni ...
Geben Sie uns doch mal einen Einblick in Ihre aktuelle Welt bzw. Perspektive: Was bewegt Sie zurzeit? Was beschäftigt Sie momentan besonders? Welche Themen, Fragen oder Perspektiven sind für Sie im Moment besonders präsent?
Mich bewegt derzeit vor allem das Erstarken rechtsextremer und autoritärer Parteien in Deutschland, Europa und der Welt. Ich mache mir große Sorgen um unsere plurale Demokratie und um die soziale Kohäsion unserer (Welt-)Gemeinschaft. Zudem bin ich beunruhigt darüber, dass sich unsere Gesellschaft und die Weltgemeinschaft sehr stark mit dem Thema Krieg (Iran sowie Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine) und der sog. „Kriegstüchtigkeit“ Deutschlands auseinandersetzen muss. Des Weiteren treiben mich die Themen der schwachen wirtschaftlichen Lage Deutschlands und der Einsatz von KI um. Ich hoffe, dass sich die wirtschaftliche Situation in unserer Gesellschaft schnell merklich verbessern wird, denn ansonsten werden Populist*innen stärkeren Zulauf erhalten als bislang und ich hoffe, dass die KI in Zukunft nicht dazu beiträgt, dass es in 30 Jahren nur noch sieben Tätigkeitsfelder für Menschen auf der Welt geben wird.
Wann hat ein Perspektivenwechsel zuletzt etwas in Ihrem Denken oder Handeln verändert? Beziehungsweise: Wann hat es Ihnen schon einmal geholfen, dass jemand anders seine Perspektive gewechselt hat?
Meine Frau und ich sind vor 17 Monaten Eltern geworden und diese Erfahrung hat alles in meinem Leben verändert. Der Perspektivwechsel, sich und seine Partnerin nicht mehr als das Zentrum der eigenen Welt zu betrachten, sondern sich jeden Tag 24 Stunden um ein kleines Wesen zu kümmern, welches völlig von einem abhängig ist, hat alles in meinem Leben verändert. Ich sehe unsere Umgebung, das Reisen mit dem Auto, aber auch Freizeitaktivitäten mit anderen Augen, denn wenn Sie mit dem Kinderwagen unterwegs sind, werden alltägliche Dinge wie eine steile lange Treppe oder ein defekter Aufzug im Bahnhof plötzlich zum Problem; wenn Sie mit dem Auto unterwegs sind und die Raststätte keinen (ordentlichen) Wickeltisch hat, führen ganz basale menschliche Bedürfnisse Ihres Kindes zu Schwierigkeiten und wenn die Freunde, die entweder keine Kinder haben oder deren Kinder bereits erwachsen sind, sich zwanglos zu einer Uhrzeit im Restaurant treffen möchten, die die Schlafenszeit ihres Kindes ist, müssen in Freundschaften plötzlich Dinge ausgehandelt werden, die vorher gar kein Thema waren.
Trotz allem ist die Erfahrung, Vater zu sein die Schönste meines Lebens.
Wo wünschen Sie sich aktuell mehr Perspektivenwechsel? Was wäre ein konkreter erster Schritt?
Ich wünsche mir, dass sich Menschen gegenseitig zuhören, um die Lebensrealität des Gegenübers zu verstehen. Wir benötigen in unserer Gesellschaft eine Solidarität unter Menschen, die sich fremd sind. Echte Solidarität beginnt für meine Person nicht, wenn ich mich gegen Antimuslimischen Rassismus einsetze. Das ist keine Solidarität, sondern Eigennutz, weil ich von dieser Ungleichheitsstruktur betroffen bin. Echte Solidarität beginnt für mich, wenn ich mich für eine Lebensrealität einsetze, die nicht meine ist, beispielsweise Antisemitismus oder Queerfeindlichkeit. Mein Appell lautet demnach: Wenn Sie solidarisch handeln möchten, setzen Sie sich für Menschen ein, die Ihre Lebensrealität nicht teilen.