18.03.2025

Wohlbefinden im Lebensraum Schule?
Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel!

Eine Stellungnahme der GLS Zukunftsstiftung Bildung


Das deutsche Schulsystem steht vor vielfältigen Herausforderungen, die sich in den vergangenen Jahren zunehmend verschärft haben. Soziale Ungleichheiten, psychische Belastungen von Schüler*innen und Lehrkräften, Personalmangel und ein Bildungssystem an der Belastungsgrenze prägen den Ist-Zustand. Gleichzeitig verändern gesellschaftliche Entwicklungen – von zunehmender Superdiversität bis hin zu digitalen Transformationsprozessen – die Anforderungen an Bildung und Lernen. Fest steht: Unsere Gesellschaft befindet sich in einem rasanten Wandel. Und das Schulsystem? Tut sich schwer damit „(…) traditionelle Muster zu durchbrechen und sich umfassend den veränderten Anforderungen anzupassen. (…) Um die Herausforderungen des Schulsystems, die beispielsweise im Bereich der Bildungsgerechtigkeit in Deutschland inzwischen als chronisch bezeichnet werden können, bewältigen zu können, muss das System transformiert werden. (…) Um die deutschen Bildungssysteme nachhaltig so aufzustellen, dass sie kontinuierlich mit Herausforderungen produktiv umgehen können, müssen sie von einem verwaltenden zu einem lernenden System transformiert werden.“ (vgl. Wübben Stiftung Bildung, 2025)

Im Jahr unseres 25jährigen Bestehens beschäftigen auch wir uns, neben der Arbeit an und in unseren Programmen und Projekten, intensiv mit Grundsatzfragen wie dieser: Welche (neuen) Wege können Schulen in dieser Zeit gehen, um ihre Schüler*innen bestmöglich zu begleiten und zu unterstützen – und welche drängenden Herausforderungen gilt es dabei zu bewältigen?


Zentrale aktuelle Herausforderungen

Soziale Ungleichheit und Bildungsbenachteiligung

Der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen hängt in Deutschland noch immer stark vom sozioökonomischen Hintergrund ab (vgl. Forell et al., 2024). Studien zeigen, dass Schüler*innen aus weniger privilegierten Verhältnissen über geringere Bildungschancen verfügen, häufiger psychische Belastungen erleben, stärker von sozialer Isolation betroffen sind und überproportional an Schulen mit erschwerten Rahmenbedingungen lernen. Auch die Integration von und Zusammenarbeit mit Eltern als Bildungs- und Erziehungspartner*innen der Schule ist häufig erschwert. Diese Kluft hat sich in den vergangenen Jahren unter anderem durch wirtschaftliche Unsicherheiten, die Nachwirkungen der Coronazeit und steigende Lebenshaltungskosten noch weiter vergrößert. Insbesondere Schulen in herausfordernder Lage benötigen daher mehr denn je gezielte Unterstützung und Ressourcen, um der Bildungsbenachteiligung entgegenzuwirken. Dies zeigt sich auch hinsichtlich fehlender Basiskompetenzen, beispielsweise im Bereich Lesen, wie die aktuelle IGLU-Studie aus dem Jahr 2023 zeigt: Ein Viertel der teilnehmenden Kinder in Deutschland erreicht nicht den international festgelegten Mindeststandard beim Lesen, der jedoch zum erfolgreichen Lernen nötig wäre (vgl. McElvany et al., 2023).
Dass die Lage dringlich ist und Handlungsbedarf besteht, zeigt auch das in diesem Schuljahr begonnene Startchancen-Programm, eine gemeinsame zehnjährige Initiative von Bund und Ländern für Schulen mit einem hohen Anteil von sozioökonomisch benachteiligten Schüler*innen.

Psychische Belastungen von Schüler*innen

Die psychische Gesundheit von Schüler*innen ist mittlerweile ein zentraler Aspekt der aktuellen Bildungsdebatte. Laut aktuellen Erhebungen zeigen etwa 21 % der 8- bis 17-Jährigen psychische Auffälligkeiten und viele Kinder und Jugendliche fühlen sich einsam oder überfordert. Gleichzeitig werden Lehrkräfte zunehmend mit herausforderndem Verhalten konfrontiert (vgl. Deutsches Schulbarometer 2024).
Befragungen und Studien zeigen darüber hinaus, dass 37% der Kinder und Jugendlichen aus Familien mit geringem Einkommen ihre Lebensqualität als gering empfinden. Fast jede*r Zehnte fühlt sich (sehr) oft (9 %) und gut jede*r Fünfte manchmal (21 %) einsam und fürchtet, niemanden zu haben, mit dem er oder sie sprechen oder Zeit verbringen kann. Insbesondere Kinder und Jugendliche aus Schulen in herausfordernder Lage machen besonders häufig physische und psychische Gewalterfahrungen (vgl. Deutsches Schulbarometer, 2024).

Lehrkräftemangel und strukturelle Überlastung

Der anhaltende Lehrkräftemangel verstärkt die bestehenden Probleme erheblich. Viele Schulen kämpfen mit Personalausfällen, unzureichender individueller Förderung und einer steigenden Arbeitsbelastung für Lehrkräfte. Der akute Mangel an Personal erschwert es, neue pädagogische Konzepte zu etablieren und den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden. Laut einer Untersuchung des Philologenverbandes Nordrhein-Westfalen arbeiten 41 % der Lehrkräfte zwischen 41 und 50 Stunden pro Woche, 37 % sogar mehr als 50 Stunden (vgl. PHV NRW, 2025). Die hohe Arbeitsbelastung führt langfristig zu Erschöpfung und Demotivation. Studien belegen außerdem eine signifikant höhere psychische und emotionale Belastung von Lehrkräften im Vergleich zu anderen Berufsgruppen (vgl. Wesselborg & Bauknecht, 2023). „Zeit ist die wichtigste Ressource in Schule – wo sie fehlt, wird schulischer Alltag zur Belastung aller Beteiligten: Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, pädagogisches Personal, Eltern, Verwaltung und Schulleitungen. Und Zeit wird gewonnen über Personal. Personal, das aber nach wie vor in den Schulen fehlt.“ (Stefan Behlau, Vorsitzender Verband Bildung und Erziehung NRW)

Komplexe Organisationsentwicklung unter Druck

Die Anforderungen an die Institution Schule sind in den vergangenen Jahren gestiegen: Neben der klassischen Wissensvermittlung wird zunehmend erwartet, dass Schulen soziale, psychologische und demokratiepädagogische Aufgaben übernehmen. Gleichzeitig erfordert die zunehmende Digitalisierung neue Lehr- und Lernkonzepte, für deren Umsetzung es jedoch häufig an technischer und didaktischer Infrastruktur fehlt. Schulentwicklung ist ein langfristiger, komplexer und oft herausfordernder Prozess. Während viele Lehrkräfte mit Motivation und Enthusiasmus starten, begegnen sie oft strukturellen Hindernissen, Widerständen oder schlichtweg fehlenden Ressourcen. Dies führt nicht selten zur Ernüchterung. Die aktuelle Cornelsen Schulleitungsstudie (2025) bestätigt, dass sich 86% der befragten Schulleitungen durch bürokratische Hürden in der Schulentwicklung ausgebremst fühlen.
 

Lösungsansätze und (neue) Chancen: Ideen zu einem längst überfälligen Paradigmenwechsel

Allein die oben aufgeführten Daten zeigen, dass eine bloße Anpassung von Strukturen nicht ausreicht. Vielmehr braucht es einen grundsätzlichen Wandel in der Art und Weise, wie Schulen und Lernprozesse gestaltet und entwickelt werden.

Unterstützung und individuelle Ansätze

Angesichts dieser Herausforderungen ist es entscheidend, Bildung und Schule neu zu denken: Individuelle Förderung, neue Lernformen und gezielte Unterstützungsangebote für alle – und insbesondere benachteiligte – Schüler*innen, ein Fokus auf die Stärkung der psychischen Gesundheit durch multiprofessionell aufgestellte Teams, die Unterstützung und Entlastung von Lehrkräften sowie mutige pädagogische Konzepte zur Förderung von Selbstwirksamkeit, Demokratiekompetenz und weiteren Zukunftsfähigkeiten. Ralf Neugschwender, der Bundesvorsitzende des Verbands Deutscher Realschullehrer, sagt hierzu in einem Interview: „Mehr denn je gilt: Auf die Lehrkräfte kommt es an. Sie können ihren Schülerinnen und Schülern Orientierung und Halt geben. Eine vertrauensvolle Lehrer-Schüler-Beziehung kann für Kinder und Jugendliche ein Stabilitätsanker sein. Allerdings müssen dafür auch die Rahmenbedingungen stimmen: Vielerorts fehlt es immer noch massiv an Angeboten in der Schulsozialarbeit und Schulpsychologie. Zudem zeig[en] […] Studie[n] in hoher Dringlichkeit, dass Lehrkräfte mehr Zeit für ihr pädagogisch-didaktisches Kerngeschäft, aber auch für den einzelnen Schüler, die einzelne Schülerin brauchen.“

Wohlbefinden in der Schule als Grundlage für gelingende Lernprozesse

Ein neuerer wissenschaftlicher Ansatz verknüpft das Thema Schulentwicklung gezielt mit den Erkenntnissen der Positiven Psychologie. Der Ansatz der Positiven Schulentwicklung rückt dabei insbesondere das Wohlbefinden aller Akteur*innen in den Mittelpunkt und entwirft die Vision eines schulischen Umfeldes, in dem es jedem Individuum möglich ist aufzublühen.
Das PERMA-Modell des Begründers der Positiven Psychologie, Martin Seligman, beschreibt fünf wesentliche Faktoren, die das Wohlbefinden steigern und somit auch die Lern- und Arbeitsqualität verbessern. Hierzu gehören

  • Positive Emotionen: Freude, Optimismus und Begeisterung sind essenzielle Faktoren für eine motivierende Lernumgebung. Das „Wohlfühlen“ jedes Einzelnen bildet die Grundlage, um Neues zu lernen.
  • Engagement: Lernprozesse, die auf individuelle Stärken und Interessen abgestimmt sind, fördern nachhaltiges, intrinsisch motiviertes Lernen.
  • Positive Beziehungen: Ein starkes soziales Netzwerk innerhalb der Schule – sowohl unter Schüler*innen als auch im Kollegium – trägt maßgeblich zu Resilienz und Motivation bei.
  • Sinnhaftigkeit: Schüler*innen lernen effektiver und eigenständiger, wenn sie die Relevanz ihrer Lernprozesse erkennen und sich mit dem Gelernten identifizieren.
  • Erfolgserlebnisse (Accomplishment): Selbstwirksamkeitserfahrungen steigern nicht nur die Lernmotivation, sondern auch das langfristige Engagement für schulische und persönliche Ziele (vgl. Lichtinger & Rigger, 2022).

Systematische Vernetzung und Entwicklungszeiten

Schulen sind komplexe Organisationen in einem herausfordernden Bedingungsgefüge. Und gleichzeitig agieren in Schulen unzählige hochqualifizierte pädagogische Fachkräfte, deren Ressourcen und Wissen noch viel stärker genutzt werden könnten. Um das zu realisieren, benötigen Schulen feste Organisationsentwicklungszeiten sowie institutionalisierte Möglichkeiten für Vernetzung und prozessorientierte Meta-Kommunikation: Voneinander lernen und Best Practice teilen, Supervision und kollegiale Hospitation, gemeinsame kommunale oder regionale Projekte planen, etablieren und evaluieren. Das herkömmliche System zu wandeln ist einerseits eine Mammutaufgabe – andererseits ist derzeit viel Potenzial noch nicht annähernd ausgeschöpft.

Demokratiebildung und Partizipation

Demokratiebildung trägt wesentlich dazu bei, dass junge Menschen die Befähigung erlangen, ein aktiver und verantwortungsbewusster Teil unserer Gesellschaft zu werden. Eine funktionierende Demokratie lebt von Mitbestimmung, der Fähigkeit zum gemeinsamen Dialog und kritischem Denken – Kompetenzen, die in der Schule gezielt gefördert werden sollten. Insbesondere hinsichtlich der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen ist es entscheidend, dass Kinder und Jugendliche lernen, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen, eigene Standpunkte zu entwickeln, Gemeinschaft produktiv zu gestalten und respektvoll miteinander umzugehen. Demokratiebildung gelingt vor allem im gemeinsamen Handeln und durch praxisnahe Ansätze: Durch Partizipation, beispielsweise eingeübt im Klassenrat oder in der Schüler*innenvertretung, Projekte zu gesellschaftlichen Themen, Peer-Learning sowie Kooperationen mit außerschulischen Akteur*innen.
 

Der Beitrag der GLS Zukunftsstiftung Bildung

Unsere Haltung

Die GLS Zukunftsstiftung Bildung verfolgt seit mittlerweile rund 25 Jahren das Ziel, Schulen durch außerunterrichtliche Projekte und Programme bei der sozial-emotionalen Förderung ihrer Schüler*innen zu unterstützen. Insbesondere in den vergangenen Jahren fokussiert die GLS Zukunftsstiftung Bildung auf die Methode des Peer-Learnings, um Soziales Lernen durch und in Beziehungen erfahrbar zu machen sowie Verantwortungsbewusstsein, Partizipationserleben und Selbstwirksamkeit bei Kindern und Jugendlichen zu stärken. Ziel ist es, dass sowohl Lehrkräfte als auch Schüler*innen die Schule (wieder) als ein inspirierendes, förderliches und unterstützendes Umfeld erfahren, in dem sie sich ausprobieren, lebendige Lernprozesse gestalten und sich mit ihren individuellen Fähigkeiten einbringen können. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre bestätigen auch aus unserer Perspektive: Schüler*innen benötigen dringend Rollenmodelle und verbindliche Ansprechpartner*innen, die sie gemeinschaftlich und systematisch – neben der Ausbildung kognitiver und fachlicher – auch in der Ausbildung von sozialen und Selbstkompetenzen fördern und begleiten.

Unsere Programme als Impulsgeber für eine neue Schulgestaltung

Ein praktisches Beispiel für die Schaffung eines, an die Positive Schulentwicklung angelehnten, Lern- und Handlungsraumes im außerunterrichtlichen Schulsetting sind die „BildungsTandems“, ein gemeinsames Projekt der GLS Zukunftsstiftung Bildung in Kooperation mit der TU Dortmund und gefördert von der RAG-Stiftung. Dieses Programm, das mittlerweile rund 80 Schulen im gesamten Ruhrgebiet umfasst, setzt auf schulübergreifende Peer-Learning-Kooperationen und schafft neue Lernräume, in denen sowohl Schüler*innen als auch Lehrkräfte wertvolle Erfahrungen im Bereich der Partizipation und des Sozialen Lernens sammeln können. Eine Komponente des Programms besteht außerdem in der engen Vernetzung von Lehrkräften und weiteren pädagogischen Mitarbeitenden durch die Kooperationen und durch thematisch relevante Veranstaltungen, wie beispielsweise Fortbildungen.
In einem weiteren durch die GLS Zukunftsstiftung Bildung durchgeführten Peer-Learning-Projekt "ZukunftsBande" arbeiten Schüler*innen der Jahrgangsstufen 9 und 10 ein Jahr lang eng mit jungen Erwachsenen – Auszubildenden, Studierenden, Berufsanfänger*innen – zusammen. In kleinen Teams setzen sie sich gemeinsam mit persönlichen Zielen, Abschlüssen und ihrer beruflichen Orientierung auseinander. Die Zukunftscoachs durchlaufen eine spezielle Vorbereitung durch die GLS Zukunftsstiftung Bildung sowie eine kontinuierliche Begleitung und fungieren als Vorbilder, Impulsgebende und Motivator*innen. Sie treffen sich regelmäßig mit den Jugendlichen, um gemeinsam Zukunftsperspektiven zu entwickeln und konkrete erste Schritte in das Berufsleben zu planen.

Neue Rollen, neue Chancen

Sehr stolz sind wir auf Geschichten wie die von Rayan und Jawad. Die Neuntklässler standen kurz vor dem Schulabbruch, bis sie im Programm ZukunftsBande ihre Coachin Sherry fanden. Die Studentin half ihnen, Lernstrategien zu entwickeln und motivierte sie, ihr Potenzial und eine Perspektive für die Zukunft zu entfalten. Das Trio erlebte eine produktive Zusammenarbeit: „Weil ich einen ähnlich Weg gegangen bin wie sie, weil ich selbst auch Bildungsaufsteigerin bin, konnte ich eine gute Verbindung zu ihnen aufbauen und ihnen Motivation und Inspiration geben“, sagt Sherry rückblickend.
Das Ergebnis: Statt Schulabbruch nun mehr Motivation, eine klare Zukunftsperspektive und der Wunsch, Abitur zu machen. Ihre Geschichte zeigt, wie sehr individuelle Unterstützung junge Menschen nachhaltig stärkt – auch über das Projekt hinaus. Und die Coachin Sherry betont, was den beiden Schülern besonders geholfen hat: „Eigentlich habe ich ihnen nur gezeigt, was schon die ganze Zeit in ihnen gesteckt hat. Ich habe ihnen nichts Neues gegeben, ich habe ihnen einfach nur eine Perspektive gegeben.“
 

Fazit

Wir brauchen ein System, in dem sich jeder aktiv einbringen kann. Wir möchten, dass Kinder und Jugendliche das Thema Lernen für sich positiv besetzen. Schule muss zu einem Lern- und Lebensraum werden, in dem jede*r – entsprechend der eigenen Fähigkeiten, Eigenschaften und Vorlieben – einen ganz eigenen Platz zum Aufblühen findet.
Wir sind überzeugt: Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel. Die Herausforderungen der Gegenwart erfordern dringlich und umfassend eine Neugestaltung des Systems und Lebensraums Schule, auf individueller wie auch auf systemischer Ebene, und bieten uns dabei gleichzeitig auch eine große Chance:
Die Chance, Bildung und Schule noch einmal völlig neu zu denken.
Die Chance, ein Bildungssystem zu gestalten, in dem nicht nur Wissensvermittlung priorisiert wird, sondern ganzheitlich auch emotionale, soziale und mentale Gesundheit in den Mittelpunkt gerückt und auf diese Weise jedem Schüler und jeder Schülerin relevante und nachhaltige Lebenskompetenzen vermittelt werden.
Die Chance, in einen Dialog miteinander zu treten, einander zuzuhören und Expert*innen in produktiver Weise zu vernetzen, um gemeinsam zu gestalten.
Und letztlich die Chance, uns heute zu fragen, in welcher Welt wir in Zukunft leben wollen – und aus dieser positiven Zukunftsvorstellung heraus genau die Schulen zu entwickeln, die es dafür braucht.

Text: Dr. Kristin Behnke

Kinder klettern und spielen auf einem Spielplatz.

Im Blick: Das erfordert Bildung in diesem Jahrhundert

„Die Anforderungen an die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts und damit auch an ein Schulsystem, das diese speist, unterschei­den sich grundlegend von den Bedarfen des 20. Jahrhunderts. Im 20. Jahrhundert lag der Fokus auf ökonomischem Wachstum und individuellem Vorankommen innerhalb der Bevölkerung. Die Funk­tion der schulischen Bildung lag primär im Wissenstransfer sowie darin, individuelle Personen für unterschiedliche Berufsfelder zu qualifizieren. Dazu fanden in Schulen hauptsächlich lehrkraftzen­trierte Lehr-Lernprozesse statt, die das Kognitive betonten und regelmäßige summative, d. h. auf Lernprozesse zurückblickende Tests beinhalteten (Hannon & McKay, 2023).

Im Gegensatz dazu erfordert die Bildung dieses Jahrhunderts, die Menschen in ihrer Individualität sich so entwickeln zu lassen, dass sie ihr volles Potenzial entfalten und damit der Gesellschaft dienen und den großen globalen Herausforderungen, wie bei­spielsweise dem Klimawandel, produktiv begegnen können. Die Funktion der Bildung liegt nun darin, Lernende zu ermächtigen, aktiv tätig sein zu können und Problemen lösungsorientiert und kreativ entgegenzutreten. Um dies zu erreichen, müssen Schulen personalisierte, kompetenzbasierte und lebensweltorientierte Lehr-Lernprozesse designen, die formative, d. h. vorausblickende Hilfestellungen bieten (Hannon & McKay, 2023).“

(Quelle: Wübben Stiftung Bildung (2025). Bessere Bildung 2035. Wübben Stiftung Bildung)

Kurz und knapp: Das bedeutet "Herausfordernde Lage"

Schulen in herausfordernder Lage sind Bildungseinrichtungen, in denen ein hoher Anteil der Schüler*innen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien stammt. Einige Merkmale dieser Schulen können sein:

- Hoher Anteil an Schüler*innen mit nichtdeutscher Familiensprache.
- Erhöhte soziale Belastungen in den Familien (z. B. Arbeitslosigkeit, Armut, beengte Wohnverhältnisse).
- Vermehrter Förderbedarf bei Schüler*innen, insbesondere im Bereich der Sprach- und Sozialkompetenzen.
- Herausfordernde Unterrichtsbedingungen durch hohe Heterogenität, Lernrückstände und Disziplinprobleme.
- Geringere Elternbeteiligung aufgrund sprachlicher oder struktureller Barrieren.

Daraus ergeben sich Herausforderungen für den Schulalltag, zum Beispiel in folgenden Bereichen:

- Lernvoraussetzungen: Viele Kinder besuchen keine Kita vor der Einschulung, haben geringe Deutschkenntnisse und benötigen intensive Förderung.
- Personalmangel: Lehrkräfte an Schulen in herausfordernder Lage sind oft überdurchschnittlich belastet und es gibt viele Quereinsteiger*innen ohne Lehramtsstudium.
- Mangelnde Ressourcen: Schlechte räumliche Ausstattung, hohe Klassengrößen und unzureichende digitale Infrastruktur erschweren das Lernen.
- Hoher sozialer Unterstützungsbedarf: Viele Schüler*innen haben traumatische Erfahrungen gemacht oder benötigen sozialpädagogische Begleitung.
- Fehlende individuelle Förderung: Lehrpläne und Lehrmaterialien sind oft nicht auf die spezifischen Bedürfnisse der Schüler*innen ausgerichtet.

(Quelle: Wübben Stiftung Bildung (2023). Schule im Brennpunkt 2023 – Eine Befragung des impaktlab der Wübben Stiftung Bildung. Wübben Stiftung Bildung.)

Kinder laufen und spielen im Schulfoyer.

FiBS Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie im Auftrag von Cornelsen Verlag GmbH. „Zwischen Vision und Rebellion“ - Cornelsen Schulleitungsstudie 2025. Kompaktfassung, Cornelsen Verlag GmbH, Berlin, 2025.
Forell, M., van Ackeren-Mindl, I., Bellenberg, G. & Klein, E.D. (2024). Woher und Wohin 2024. Soziale Herkunft und Bildungserfolg. Zentrale Ergebnisse der Schulleistungsstudien. Überarbeitete und erweiterte Fassung. Wübben Stiftung Bildung.
McElvany, N., Lorenz, R., Frey, A., Goldhammer, F., Schilcher, A. & Stubbe, T. C. (2023). IGLU 2021: Zentrale Befunde im Überblick. In N. McElvany, R. Lorenz, A. Frey, F. Goldhammer, A. Schilcher & T. C. Stubbe (Hrsg.). IGLU 2021 – Lesekompetenz von Grundschulkindern im internationalen Vergleich und im Trend über 20 Jahre. (S. 13–26). Münster: Waxmann.
Philologenvervand Nordrhein-Westfalen (PHV NRW) (2025). Umfrage zur persönlichen Belastungssituation von Lehrerinnen und Lehrern. phv-nrw.de/2025/01/10/umfrage-zur-persoenlichen-belastungssituation-von-lehrerinnen-und-lehrern/ (letzter Zugriff: 17.03.2025)
Robert Bosch Stiftung (2024). Deutsches Schulbarometer: Befragung Lehrkräfte. Ergebnisse zur aktuellen Lage an allgemein- und berufsbildenden Schulen. Robert Bosch Stiftung.
Robert Bosch Stiftung (2024). Deutsches Schulbarometer: Befragung Schüler:innen. Ergebnisse von 8- bis 17-Jährigen und ihren Erziehungsberechtigten zu Wohlbefinden, Unterrichtsqualität und Hilfesuchverhalten. Robert Bosch Stiftung.
vbe-nrw.de/presse/pressemitteilungen/2024/forsa-schulleitungsumfrage-2024/ (letzter Zugriff: 05.03.2025)
vdr-bund.de/presse.aspx (letzter Zugriff: 05.03.2025)
Wesselborg, B., Bauknecht, J. (2023). Belastungs- und Resilienzfaktoren vor dem Hintergrund von psychischer Erschöpfung und Ansätzen der Gesundheitsförderung im Lehrerberuf. In Prävention und Gesundheitsförderung 2 (2023).
Wübben Stiftung Bildung (2023). Schule im Brennpunkt 2023 – Eine Befragung des impaktlab der Wübben Stiftung Bildung. Wübben Stiftung Bildung.
Wübben Stiftung Bildung (2025). Bessere Bildung 2035. Wübben Stiftung Bildung

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