Perspektiven wechseln – unser Jahresthema 2026
23.01.2026
„Fühl ich gerade total“, „Ich kann mir gut vorstellen, wie es dir damit geht“ oder „Ach, deshalb siehst du das so“ – solche Aussagen hören wir im Alltag, wenn wirkliches Verständnis füreinander vorhanden ist. Das entsteht allerdings erst dann, wenn wir bereit sind, den eigenen Blickwinkel zu verlassen und uns auf die Perspektive anderer einzulassen. Dies ist eine Schlüsselkompetenz für gelingende soziale Interaktion, gemeinsame Lernprozesse und demokratische Verständigung.
Vor diesem Hintergrund stellen wir als GLS Zukunftsstiftung Bildung das Jahr 2026 bewusst unter das Leitmotiv „Perspektiven wechseln“. Dieses Thema wird unsere Arbeit über das gesamte Jahr hinweg prägen und sich durch all unsere Veranstaltungen, Programme und Veröffentlichungen ziehen. Damit setzen wir einen inhaltlichen Schwerpunkt, der aus unserer Sicht sowohl gesellschaftlich als auch pädagogisch von großer Bedeutung ist.
Aus psychologischer und neurowissenschaftlicher Sicht ist die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme eine zentrale Kompetenz, die weit über empathisches Mitfühlen hinausgeht. Studien zeigen, dass die Fähigkeit, die emotionale Lage anderer zu erfassen, mit sozialem Verhalten, geringerer Aggressivität und höherer Anpassungsfähigkeit einhergeht. Perspektiven zu wechseln bedeutet, sich auf andere Sichtweisen einzulassen, eigene Annahmen zu hinterfragen und fremde Lebensrealitäten wahrzunehmen. Damit wird Perspektivenübernahme zu einer Voraussetzung für verantwortliches Handeln und zu einer bewussten Haltung eines Individuums in sozialen Beziehungen. Zum Beispiel in Freundschaften, in der Schule, im Kontakt mit Lehrkräften oder Kolleg*innen.
Nur durch Empathie und Reflexion wird es möglich, Unterschiede nicht als Trennlinien, sondern als Ausgangspunkt für Verständnis zu begreifen. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Gräben zunehmend sichtbar werden und es für viele Menschen schwieriger wird, andere Meinungen auszuhalten, sehen wir darin eine wichtige Voraussetzung, um wieder stärker miteinander ins Gespräch zu kommen und Zusammenhalt zu fördern.
Gelingendes Peer-Learning lebt davon, den Blickwinkel des Gegenübers einzunehmen
Das Jahresthema passt zugleich in besonderer Weise zu unserer täglichen Arbeit. In unseren Peer-Learning-Programmen begleiten ältere Schüler*innen oder Auszubildende über ein Schuljahr hinweg jüngere. Da liegt es auf der Hand, dass alle Beteiligten in neue Rollen schlüpfen und damit automatisch ihre Perspektive verändern: Drittklässler*innen werden zu Coachs für Kindergartenkinder, Jugendliche werden zu Coachs für Grundschulkinder und Auszubildende coachen ein Jahr lang Neunt- und Zehntklässler*innen – da ist es unabdingbar, sich in die Lage der jeweils Jüngeren zu versetzen, um zu verstehen, was diese vielleicht gerade brauchen. Gelingendes Peer-Learning lebt davon, den Blickwinkel des Gegenübers einzunehmen, zu erkennen, was jemanden gerade bewegt, welche Unterstützung nötig ist und wie Lernen individuell gelingen kann.
Peer-Learning-Formate bieten dabei einen besonders wirksamen Erfahrungsraum für Perspektivenwechsel. Der Wechsel von der Lernenden- in die Lehrendenrolle erfordert es von den Teilnehmenden, die eigene Sichtweise auch mal zu verlassen und sich an den Bedürfnissen und dem Entwicklungsstand ihres Gegenübers zu orientieren. Perspektivenwechsel wird hier nicht theoretisch besprochen, sondern konkret als Aushandlungsprozess zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung im aktiven sozialen Handeln und in echten, praktischen Begegnungen erlebt. Auch für die eigene Persönlichkeitsentwicklung ist der Perspektivenwechsel entscheidend – er hilft dabei, gewohnte Muster zu verlassen und neue Wege für die eigene Zukunft zu entdecken.
Welche Rahmenbedingungen muss Schule bieten, damit Kinder diese Fähigkeit entwickeln können?
Wir werden uns dabei auch mit dem wissenschaftlichen Hintergrund befassen: Was braucht es, um flexibel den eigenen Blickwinkel verändern zu können? Und welche Rahmenbedingungen müssen Schule und Bildung bieten, damit Kinder und Jugendliche diese Fähigkeit entwickeln können?
Die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme ist abhängig von einer Vielzahl an Rahmenbedingungen und auf vielfältige Basiskompetenzen angewiesen. Schule und Bildungsarbeit stehen damit vor der Aufgabe, Räume zu schaffen, in denen Perspektivenvielfalt nicht nur toleriert, sondern aktiv eingeübt wird, zum Beispiel durch Partizipation, Rollenvielfalt, Reflexion und Beziehungsgestaltung. Perspektiven zu wechseln, wird so zu einer Bildungsleistung und zu einer kulturellen Praxis des Miteinanders.
Unser Jahresthema versteht sich als Einladung, die eigene Haltung zu überprüfen, Gewohntes neu zu betrachten und den Mut aufzubringen, den Blickwinkel zu verändern.