Grundlegende Veränderungen erfordern Mut und gute Ideen
3 Fragen an Alma Tamborini, Leiterin der Nordmarkt-Grundschule Dortmund
18.11.2025
Beim Podiumsgespräch im Rahmen unserer Jubiläumsfeier ging es um gelingende Konzepte an Schulen, die bei allen strukturellen Hürden
Vorbildcharakter für andere haben können. Ein Gast in dieser Runde war Alma Tamborini, Schulleiterin der Nordmarkt-Grundschule in Dortmund. Ihre Ideen und ihr Mut außergewöhnliche Ideen am herausfordernden Standort an ihrer Schule umzusetzen, sind vielen Gästen unter die Haut gegangen. Im Interview spricht sie hier nochmals über verlässliche Bindungen, Elternarbeit und außerschulische Lernorte.
Ihre Arbeit ist ein gutes Beispiel dafür, dass durch mutige Entscheidungen im System Schule wirklich etwas gelingen kann. Eine davon war, die Grundschulzeit an der Nordmarkt-Grundschule strukturell von 4 auf 5 Jahre zu erhöhen. Wie kam es dazu und wie konnte das gelingen?
Alma Tamborini: „An der Nordmarkt-Grundschule haben wir viele Jahre in jahrgangsübergreifenden Klassen 1/2 gearbeitet. Dabei zeigte sich immer wieder ein Problem: Mit dem Übergang in Klasse 3 brach für die Kinder eine wichtige Beziehung ab, denn meist übernahm eine neue Lehrkraft. Für unsere Schülerinnen und Schüler, die besonders auf stabile und verlässliche Bindungen angewiesen sind – und für ihre Familien ebenso –, war dieser Bruch ein Stolperstein. Die Frage, wie wir für mehr Kontinuität sorgen und verlässliche Bezugspersonen sowie feste Gruppen schaffen können, hat uns lange beschäftigt.
Unser Grundsatz lautet: Wir richten jede Entwicklung an den Bedürfnissen unserer Kinder aus. Und wenn 97 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler fünf Jahre bei uns bleiben, war der nächste Schritt nur folgerichtig – auch die Schulzeit strukturell auf fünf Jahre zu erweitern. So können Beziehungen wachsen und über einen längeren Zeitraum Bestand haben. Das stärkt nicht nur das Vertrauen, sondern wirkt sich unmittelbar positiv auf Lernprozesse und das gesamte Schulleben aus.
Natürlich gilt dabei: Kinder, die nach vier Jahren bereits alle Kompetenzen erworben haben, wechseln regulär nach der vierten Klasse auf die weiterführende Schule.
Entscheidend ist: Kein Kind muss seine Lerngruppe wechseln – egal ob es vier oder fünf Jahre bleibt. Solch weitreichende Veränderungen lassen sich nicht allein aus einer Idee heraus umsetzen. Sie brauchen ein mutiges Kollegium, das bereit ist, neue Wege zu gehen und Verantwortung für Veränderung zu übernehmen. Ebenso braucht es eine Schulaufsicht, die Probleme erkennt, Lösungen ernst nimmt und den Mut der Schule mitträgt. Erst durch dieses Zusammenspiel konnte es uns gelingen, die Grundschulzeit an der Nordmarkt-Grundschule auf fünf Jahre zu erweitern – und damit Schule so zu gestalten, wie sie für unsere Kinder am besten ist.“
Ein starkes Miteinander durch gemeinsame Zeit in der Natur
Begeistert war das Publikum auch von Ihrer Idee, Besuche auf dem Bauernhof und im Wald als feste und wöchentlich aufgesuchte außerschulische Lernorte zu installieren. Was hat es damit auf sich?
Alma Tamborini: „Das Projekt ,Lernen, Neu Denken‘ ist mitten in der Corona-Pandemie entstanden – in einer Zeit, in der uns klar wurde: Kinder brauchen jetzt mehr als Nachhilfe und Arbeitsblätter. Sie brauchen Erlebnisse, Begegnungen und Erfahrungen, die ihren Horizont erweitern. Genau da setzt unser Projekt an – und ist zu einem der größten Entwicklungsschritte unserer Schule überhaupt geworden.
Einmal pro Woche wird jede Lerngruppe geteilt: Die eine Hälfte fährt mit zwei Studierenden zu einem außerschulischen Lernort – etwa in den Wald oder auf einen Lernbauernhof. Die andere Hälfte bleibt bei der Klassenlehrkraft und erhält dort individuelle Förderung. Dieses Modell läuft seit November 2020 – und seine Wirkung ist enorm. Unsere Kinder entdecken dabei Lebenswelten, die ihnen sonst verschlossen blieben. Viele von ihnen waren noch nie im Wald oder auf einem Bauernhof. Durch das Projekt öffnen sich Türen: Sie lernen nicht nur neue Wörter und Inhalte kennen, sondern entwickeln vor allem soziale und emotionale Kompetenzen. Wir sehen ganz deutlich, dass Lerngruppen, die länger im Projekt sind, weniger Konflikte haben und ein viel stärkeres Miteinander leben.
Besonders wertvoll ist, dass die Kinder ihren Lernort ein ganzes Jahr lang regelmäßig besuchen. Sie erleben den Wald im Wechsel der Jahreszeiten, entdecken Regeln, entwickeln Routinen und erschließen sich Schritt für Schritt eine neue Welt. Diese Kontinuität macht es möglich, dass die Kinder Vertrauen fassen, Fragen stellen, selbst aktiv werden und ihre Umgebung wirklich verstehen. ,Lernen, Neu Denken‘ hat unsere Schule verändert. Es zeigt, wie viel Strahlkraft außerschulische Lernorte haben, wenn Kinder ihnen mit Zeit, Beständigkeit und Offenheit begegnen dürfen – und wie Schule sich dadurch in einen Ort verwandelt, der weit mehr vermittelt als reines Wissen: nämlich Lebenserfahrung.“
Das Elterncafé schafft als Ort der Begegnung viel Vertrauen
Besonders berührt hat viele Gäste auch Ihr Bericht davon, wie Sie auf eine außergewöhnliche Art den Kontakt zu Eltern herstellen konnten und nun jeden Morgen ein gut besuchtes Elterncafé im Schulgebäude betreiben. Wie kam es dazu?
Alma Tamborini: „Unser Elterncafé gab es schon viele Jahre – doch richtig an Bedeutung gewonnen hat es erst in der Corona-Pandemie. Über lange Zeit durften damals Eltern das Schulgebäude nicht betreten. Uns war jedoch klar: Wenn wir den Kontakt zu den Familien verlieren, verlieren wir ein zentrales Fundament unserer Arbeit. Also wurden unsere Schulsozialarbeiterinnen und unser Schulsozialarbeiter erfinderisch. Jeden Morgen stellten sie sich mit einem Kaffeewagen ans Schultor. Dort kamen sie mit Eltern ins Gespräch, hörten zu, gaben Hilfestellung – und schnell wurde der kleine Wagen zum Treffpunkt. Mit der Zeit kamen immer mehr Eltern, nahmen Unterstützungsangebote wahr und blieben im Austausch. Als schließlich wieder Begegnungen in der Schule möglich waren, haben wir den Kaffeewagen Schritt für Schritt Richtung Schulgebäude gezogen. Und die Eltern sind mitgegangen – bis hinein in unser Elterncafé, das heute fest in der Mensa beheimatet ist. Inzwischen besuchen täglich rund 40 Frauen das Café.
Es geht dort längst um weit mehr als einen Kaffee: Im Mittelpunkt stehen Gespräche, gegenseitiger Austausch und ganz praktische Unterstützung. Die Schulsozialarbeit und unsere Roma-Bildungsmediatorin sind täglich vor Ort, hinzu kommen vielfältige Angebote – von einem Deutschkurs mit Kinderbetreuung, Impulse von der Erziehungsberatungstelle, Ärzt*innen und anderen außerschulischen Partnern bis hin zu internationalen Frühstückstreffen. Selbst das Jobcenter nutzt montags die Gelegenheit, direkt mit den Familien in Kontakt zu treten.
So ist aus einem Kaffeewagen am Schultor eine neue Dynamik entstanden. Heute ist unser Elterncafé ein lebendiger – und auch ein ziemlich lauter – Ort, der Begegnung, der Vertrauen schafft, Hemmschwellen abbaut, Eltern stärkt und somit Grundlage für eine gelungene gemeinsame Bildungspartnerschaft ist.“